Eine lange Reise dieser Art ist die Verkörperung einer Fiktion, die sich schon lange Zeit in den Windungen meines Gehirns verborgen hatte. Meist haben sich die Dinge erfüllt, die ich aus tiefstem Herzen wirklich wollte. Manche mögen es Fügung nennen. Daran glaube ich nicht. Überhaupt glaube ich relativ wenig, was ich nicht selbst überdacht, gesehen oder erlebt habe. Ich nenne es nicht Fügung sondern „Finden eines klaren Geräusches im Geschrei des Lebens.“ Ich spitze meine Ohren für die Dinge, die ich hören will. Für mein persönliches Glück sind mittlerweile andere Dinge wichtiger. Ich brauche, um glücklich zu sein, kein tolles Auto mehr, keine Designermöbel und -kleidung, nicht den neuesten Elektronikschrei, den ich mir nur kaufe, weil ich ihn haben muss, um „mitreden zu können“ und nicht weil ich ihn wirklich brauche. Einen Großteil meines Glücks möchte ich durch Bescheidenheit definieren. Die größte Aufgabe des Menschen ist neben dem Überleben selbst, sein eigenes Glück zu finden.


„So was kann man nur machen, wenn man jung und ungebunden ist!“
Es ist wohl das meist gehörte Zitat während und vor dieser Reise und neben der Tatsache, dass ich selbst das Gegenteil bin, habe ich viele weitere Gegenteile unterwegs getroffen. Nicht jeder kann auf eine lange Reise gehen, nicht jeder sollte auf eine lange Reise gehen und nicht jeder will auf eine lange Reise gehen. Aber wer es will, sollte es versuchen, egal ob jung oder alt. Aus heutiger Sicht gehe ich stark davon aus, nur ein Leben zu haben und deshalb versuche ich das zu tun, was ich mir wünsche, wenn es die Umstände gerade ermöglichen oder ich die Umstände soweit beeinflussen kann, dass sie es künftig zulassen. Zu viele Leute verschwenden ihre Energie mit Reden statt mit Taten.


Wie kann man alles aufgeben, was man hat?
Das, was ich an Dingen angesammelt habe, gibt mir während meines Lebens nur eine Art Illusion von Beständigkeit, bei der ich davon ausgehe, dass sie auch Morgen noch Gültigkeit hat. Dabei sind die Dinge, die ich angehäuft habe, nicht das, was mich definiert. Deshalb konnte und kann ich mich auch von den meisten Sachen trennen. Das Bewusstsein loslassen zu können und mich neuen Herausforderungen bewusst zu stellen, lässt mich leichter leben. Auch im „normalen“ Leben könnte ich schon Morgen arbeitslos sein, schon Morgen könnte ich aus irgendwelchen Gründen Dinge verlieren, die mir gehören, schon Morgen könnte ich einen geliebten Menschen verlieren, schon Morgen könnte ich meine Gesundheit verlieren. Nur, weil wir gelernt haben, darauf konditioniert wurden, alle diese Dinge im Alltagsleben wunderbar zu verdrängen, heißt es noch lange nicht, dass sie nicht jedem von uns in jeder Minute passieren könnten. Das wird vielen Menschen im Leben oftmals schmerzhaft bewusst.


Was erwartest du von dieser Reise und was willst du danach machen?
Ich erwarte nichts von dieser Reise. Hat man zu viele Erwartungen wird man sowieso meist enttäuscht. Ganz ehrlich? Vornehmlich ist es das Reisen selbst. Es heißt, zu leben, zu erfahren, anderen Kulturen näher zu kommen und davon zu lernen, Menschen zu treffen, sich auf Wiedersehen freuen, Menschen zum Abschied zu winken, Natur zu entdecken und zu fühlen, versuchen, Dinge und Zusammenhänge zu verstehen, eigene Grenzen kennenzulernen. Ich finde, dass ist schon mehr als genug! Nicht hinter allem muss ein weitaus tieferer, angedichteter fast spiritueller Sinn stecken? Ich bin nicht aufgebrochen mich selbst zu finden, weil ich mich zuvor nicht verloren hatte. Ich hatte kein Burn-Out Syndrom und hatte ebenso wenig die Erwartung irgendwann mit völlig neuen Inspirationen zurückzukehren. Ein tiefer Sinn steckte auch nicht in alledem, was ich zu Hause gemacht habe und niemand hat danach gefragt. Und wenn die Reise zu Ende ist, dann spitze ich wieder meine Ohren für das Geräusch, um herauszufinden, in welche Richtung es weiter geht.


Warum gerade Reisen?
Ich denke, individuelles Reisen gibt mir eines der größtmöglichen Felder an Herausforderungen, die ich meistern kann. Es betrifft viele Bereiche meines Lebens, bis hin zu extremer physischer und psychischer Belastung. Begegnungen und Erlebnisse unterschiedlichster Art bereichern und beeinflussen mich. Was in drei Jahren einer Reise passiert, als Summe aus Erfahrung und Erlebnissen, passiert oftmals nicht in 10 Jahren zu Hause. Reisen ist die beste Medizin gegen Rastlosigkeit.


Und was hast du beim Reisen nun gelernt?
In erster Linie, selbst zu sein und sein zu dürfen. Ich will meine Ideen, Träume und Wünsche nicht zu Gunsten ankonditionierter Illusionen verdrängen, die mich ab einem gewissen Punkt nicht mehr wissen lassen, ob ich dies selbst bin oder nur an Fäden hängend gespielt werde. Ich will mein eigenes Glück finden und nicht das allgemeine Glück als eigenes annehmen, nur um irgendwann festzustellen, dass ich immer noch darauf warte, wann es mich denn glücklich machen wird. Wichtig in meinem Leben ist, die Balance aus Geben und Nehmen zu finden. Wichtig ist ein Höchstmaß an Toleranz, ohne dabei gleichzeitig alles als gut und richtig stehen zu lassen. Die gleichzeitige Schärfung des Blicks für objektiv richtige und falsche Dinge und der daraus folgende Abgleich ist mein Lebensprojekt. Der Wunsch wieder mit den Augen eines Kindes sehen zu können ist für mich manchmal erstrebenswert, wenn auch schwierig erreichbar. Dazu gehört auch auf das Bauchgefühl oder die Intuition zu hören. Die Intuition sagt mir oftmals mehr als der rationelle Part, aber die Ratio ist zugegebenermaßen manchmal stärker als die Intuition und oftmals stark genug, sogar dieses Bauchgefühl wieder zu beeinflussen, so dass ebenso falsche Signale gesendet werden. Wenn ich dann irgendwann nicht mehr unterscheiden kann, dann kommt wieder der Kopf als Parameter und Hilfe ins Spiel, bis eine Entscheidung abgewägt ist. Indem ich mich immer wieder Grenzen aussetze, erfahre ich mehr und mehr, wo meine persönliche Wahrheit liegt und wann ich eher dem Bauch und wann dem Kopf über den Weg traue. Leben ist reisen, leben ist lernen ohne jemals ein Ziel zu erreichen, ohne zu hinterfragen, was das Ziel ist und tief im Inneren zu wissen, dass es kein Ziel gibt und auch keines nötig ist.


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