Testlauf: Norwegen


Der erste gemeinsame Urlaub war geplant. Die Generalprobe für unseren gemeinsamen Aussteigertraum. 9 Tage Skandinavien, nur wir beide und die unendliche Natur der norwegischen Fjorde. Beladen mit den zarten Habseligkeiten, die man beim Camping halt benötigt, gut 40 Kilo (davon mindestens ein Viertel Proviant) verpackt auf zwei Backpacks und noch zwei weiteren Tagesrücksäcken als Handgepäck. Ausrüstungstechnisch alles genau durchplant, nur das Nötigste im Gepäck. Ich habe auch kommentarlos auf meine übliche Macke verzichtet und somit nicht Tage mal 2 an Oberteilen eingeschnürt. Stattdessen jedoch auf Qualität gesetzt und meine teils neuerworbene Fleece-Triologie sicher an Bord geholt. Es ist Mitte September, es ist Norwegen und ich ziehe auch schon mal im thailändischen Sommer ein Jäckchen an, somit bestand meine einzige Sorge vor Reisebeginn in dem Satz: „Ich werde erfrieren.“ Dem wurde noch zusätzlich von meinem Umfeld entgegengewirkt. So bekam meine „Dickste Strickjacke der Welt“ Gesellschaft durch den „Dicksten Schlafsack der Welt“, lange Snowboard-Unterwäsche für drunter, eine Regenhose für drüber- anscheinend verstand mich meine Umgebung und teilte meine Befürchtungen den Kältetod im Norden des Kontinentes zu sterben und versorgte mich mit jeglichen Kälteabwehrtextilien. Der Tag der Abreise verlief ohne Zwischenfälle, Chauffeurdienst zum Flughafen, fast pünktlicher Start unseres Billigfliegers und dann betraten wir norwegisches Hoheitsgebiet


Das Karten-Dilemma
Wir verstehen Sie ja…!“ Die freundliche Telefonistin oder sollte ich besser sagen „Call-Center-Agentin“ des 24-Stunden-Services eines großen Kreditkartenunternehmens stand voll auf unserer Seite. Unser „Fels in der Brandung“ hätten wir sie auch nennen können. Doch es half nichts, denn all ihr Verständnis überwand nicht die völlige Inkompetenz mit der Marc während des Gesprächs konfrontiert wurde. Es war
mittlerweile elf Uhr abends am Flughafen von Oslo und wir teilten uns die Geschäftszone des Autoverleihs mit unserem dezenten Gepäck. Eine halbe Stunde zuvor hatte uns der Mitarbeiter der Filiale mit einem Lächeln die VISA-Card zurückgegeben: „It doesn´t work.“ Den Wagen bereits von Deutschland aus gemietet und bezahlt, glaubten wir uns bereits vom Start weg in Sicherheit, doch diese Rechnung machten wir ohne die Tücken der deutschen Bürokratie. Nur weil eine Adressänderung bei einer Bank

durchgeführt wird, heißt es nicht automatisch, dass das zugehörige Kreditinstitut ebenfalls benachrichtigt wird. Die Folge: Ein falsch adressierter Werbebrief geht retour und die Karte wird gesperrt, man kann im Ausland keine Kaution für das Mietobjekt hinterlegen, die Aushilfskraft an der Rezeption darf nichts machen und die inkompetente „Call-Center-Agentin“ versteht einen und man selber steht da ohne Auto. Wir hatten durch unser Outdoor-Vorhaben natürlich keine Hotelreservierung, denn eigentlich wollten wir die erste Nacht dazu nutzen nach Jotunheimen durchzustarten, um von dort aus am nächsten Morgen unsere erste Tour zu begehen. Jetzt hieß es Plan B: ... Wir schlugen unser Zelt fast buchstäblich auf einer leicht mit Bäumen gesäumten Grünfläche zwischen Start- und Landebahn auf, um dort entspannt die Zeit bis zur Eröffnung der heimischen Bankfiliale zu überbrücken und dann erneut zu klären, was eigentlich schon alle wissen. Das liebliche Geräusch startender Flugzeuge beendete unsere Nacht, die sich trotz Kälte und der bekannten Umstände weitaus komfortabler gestaltete als erwartet. Durchaus ein Plätzchen, das in unserem inoffiziellen Campingplatzführer lobend erwähnt werden könnte. Jetzt ging alles schnell, die Bankangestellte verstand uns auch, somit verstand und handelte auch das Kreditkarteninstitut, der Autoverleiher wurde glücklich gemacht und somit konnten auch unsere Augen leuchten als wir den Schlüssel für unser kleines Vehicel erhielten. Der Urlaub konnte beginnen, unsere Stimmung trotz allem noch auf verliebtem Top-Niveau und der erste Satz des Urlaubs war geboren: „Aber, ich verstehe Sie ja…!“ 

Der Nord-Herbst
Unsere Tour in den neun Tagen: Jotunheimen auf den Berseggengrad, Jostedalsbreen mit evtl. "Gletscher-besteigung" des Nigardsbreen, dann Richtung Sognefjord, Bergen, Hardanger-fjord, Stavanger und zum Abschluss Lysefjord inklusive einer Tour zum Prekistolen und Kjerakbolten. Soviel zur Theorie, denn leider befanden wir uns mit Ende September bereits außerhalb der eigentlichen Saison. Das hatte viele Vorteile, denn wir mussten uns nicht mit anderen Touristen um die besten die besten Plätze an den Fjorden schlagen. Allerdings barg der Grund für diese Menschenleere auch einige Nachteile. Erste Station Jotunheimen: Der Hinweg zum Aufstieg auf den Berseggengrad, der uns mit den unschuldigen Worten "am See
entlang" beschrieben wurde, verlief in Wirklichkeit 4 Stunden lang über Fels-, Wald- und Wiesenwegen steil bergauf und berab. Gerade dachte man höher gehts nicht, da ging es schon wieder in die Tiefe und das Ganze nur um Schwung zu nehmen für den nächsten Anstieg. Der Standardsatz nach jedem Hügel: "Es kann nicht mehr weit sein." Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir dann auch endlich unser Ziel. Doch auch, wenn wir die Hütten hätten nutzen wollen, wären sie uns verwehrt geblieben, denn leider: Saison vorbei! Mit Lagerfeuer und warmen Essen heizten wir uns ein, um danach die bis dato kälteste Zeltnacht zu verbringen. Am nächsten Morgen dann die Überraschung: Schneefall! Wir machten uns samt Gepäck an den Aufstieg, doch die Flocken nahmen deutlich an Tempo

zu und unsere Geschwindigkeit deutlich an Tempo ab. Die einzig logische Konsequenz: Aktion Abbrechen und Rückzug! Also machten wir uns wieder auf den Rückweg "am See entlang." Man sollte meinen, dass ein Strecke beim zweiten Mal schneller zu bewältigen sei. Doch Fehlanzeige, unsere Demotivation über das schnelle Ende unseres ersten Tracks machte uns träge. Fazit: 6 Stunden, dass dürfte offiziell ein neuer Minusrekord gewesen sein ;-) Wir legten unsere Hoffnungen auf das Gelingen der weiteren geplanten Touren und erreichten unser Auto. Nach einer kurzen aber warmen Dusche und nach einem warmen aber teuren Kaffee fuhren wir weiter und verbrachten den, wir wussten es zu diesem Zeitpunkt nicht, vorerst letzten Schönwettertag auf einem netten Rastplatz mit Fluss im Hintergrund. Wir zweckentfremdeten den Rastplatz und stellten unser Zelt auf, wir hatten alles, was wir brauchten: Fließendes Wasser, Steinbänke und Tische und eine Toilette. Der nächste Tag startete mit Nieselregen und war

grau, mit tief hängenden Wolken. Optimistisch ging es Richtung Jostedalsbreen Gletscher bzw. einem Ausläufer und wir wollten dort eine kleine Tour unternehmen. Schon der Weg dorthin über das Gebirge bereitete unserem Gefährt mit Sommerreifen ausgestattet schon das ein oder andere Problem und je höher wir fuhren, desto dichter lag schon eine Schneedecke auf der Straße. Glücklicherweise ging es nach ein paar Kilometern aber wieder in tiefere Gefilde und der Schnee machte wieder dem Regen Platz. So erreichten wir den Gletscher und starteten, trotz immer

noch starkem Regen, unsere kleine Tour. Auf der kurzen Wanderung machten wir mit Wasser in allen Aggregatzuständen Bekanntschaft. Wir gingen durch Bäche, von oben regnete es in Strömen, wir erreichten die Eisabbruchkante des Gletschers und dampften vor Anstrengung. Triefnass kehrten wir nach 2 Stunden zum Auto zurück und hatten für diesen Tag vom Wasser genug. „Morgen wird es bestimmt besser“ so unser Leitsatz mehrmals am Tag. Leider bewahrheitete er sich nicht. Erstmal sollte es aber in Richtung Fjorde gehen, bevor wir andere Wandertouren angehen wollten,

so stand der sollte es aber in Richtung Fjorde gehen, bevor wir andere Wandertouren angehen wollten, so stand der Hardangerfjord und Sognefjord auf unserer Liste, an denen wir ein paar Tage entlangfuhren und bei ein paar Städtchen unter anderem auch Bergen und Stavanger halt machten. Leider erlebten wir auch die Fjordlandschaften und Städte nur von einer Seite, verhangen und im Regen. „Morgen wird es bestimmt besser…“ Die letzten Tage brachen an und wir unternahmen die geplante Wanderung zum Preikestolen, dem bekannten steil und senkrecht abfallenden Felsen hoch


über dem Lysefjord. Auch bei dieser Wanderung hatten wir eine treuen Begleiter: Regen. Jedoch gesellte sich auch noch enorm starker Wind hinzu. Kaum am Felsen angekommen, war der Wind so stark, dass wir uns nicht bis zur Kante vorwagen konnten, da wir schon alle Mühe hatten, uns auf den Beinen zu halten. Also wieder zurück und den Regen genießen. Nachdem wir nun die letzten Nächte immer im Zelt verbracht hatten und die komplette Ausrüstung mittlerweile triefnass war, da sie nicht mehr trocknete, entschlossen wir uns für diesen Abend, allen Spargeboten zu trotz, eine kleine Hütte zu nehmen und die Nacht im trockenen zu verbringen. Am vorletzten Tag sollte nun die letzte Wanderung anstehen, der Kjerkbolten, eine Steinkugel zwischen Fels eingeklemmt, ebenfalls hoch über dem Fjord. Heute war es etwas trockener als die Tage zuvor, aber das Wetter in Norwegen zog das letzte Ass. Je näher wir dem Ausgangspunkt der Wanderung kamen, umso mehr Nebel zog

auf. Als wir dort waren betrug die Sichtweite nicht mal mehr ein paar Meter und eine Besserung war auch nicht in Sicht. Also brachen wir auch diese Wanderung ab, bevor wir starteten und entschlossen uns für die Rückfahrt nach Oslo. Wir erhaschten noch einen Platz auf dem Campingplatz in Oslo, welcher so teuer kam, wie in unseren Breitengraden eine einfache Pension inkl. Frühstück. Im Übrigen raten wir jedem, der sich über das Preisniveau in Deutschland beschwert, einen Urlaub in Norwegen zu machen. Denn dafür, dass wir uns so gut wie keinen Luxus leisteten, die meisten Lebensmittel bereits von Deutschland aus mitnahmen, mehrfach wild zelteten, schröpfte dieses Land unser Budget in beträchtlichem Maße. Der Einkaufswagen ist bei einem Einkauf optisch gesehen gerade mal mit einem Drittel im Vergleich zu Deutschland gefüllt, eine Tunneldurchfahrt auf der Privatschnellstraße schlägt gerne mal mit 8 Euro zu Buche, plus etliche Mautstellen, kurze Fährfahrten lässt man sich mangels Alternative auch fürstlich entlohnen und auch ein Geldwechsel von 100 Euro kann 10 Euro Gebühren verschlingen. In Oslo verbrachten wir dann den letzten Tag. Die Wolken lichteten sich und die Sonne kam mit frühlingshaften Temperaturen durch. Leider ein paar Tage zu spät, denn am Nachmittag  sollte es zurück nach Deutschland gehen.

Der Rundflug
Der Flug startete pünktlich. Wir nahmen uns beide was zu lesen und wollten den Urlaub nun langsam ausklingen lassen, freuten uns noch ein paar Stunden den Abend zu Hause zu verbringen. Der Kapitän gab seine üblichen Kommentare, bei denen man sowieso schon nicht mehr hinhört, weil man sie durch den Lautsprecher kaum versteht. Wir setzten eher als gedacht zum Landeanflug an und blickten kurz
von den Büchern auf und schauten aus dem Fenster. Wir flogen über einen großen See mit sehr viel Wald und ich wunderte mich kurz, wo in der Nähe von Düsseldorf ein derartiger Anblick zu suchen sei, dachte mir aber weiter nichts dabei. Die Landschaft präsentierte sich während des Landeanflugs in einem ausgesprochen überdurchschnittlichen, waldigem Grün, welches für Düsseldorf doch sehr untypisch war. Der Flieger setzte auf und fuhr die Startbahn entlang, dicht bewaldet umgeben von ein paar Hügeln. Dies war definitiv nicht Düsseldorf, es hieß, willkommen zurück in Oslo. Was war passiert? Während des Fluges ist der Autopilot ausgefallen und man zog es aus Sicherheitsgründen vor den Rückflug anzutreten. Vertieft in unsere Bücher, die Ansagen des Kapitäns ignorierend, bekamen wir von der ganzen Situation nichts mit. Der Urlaub endete genauso leicht chaotisch, wie er angefangen hatte.

Der nächste Flieger ging erst morgens um 4.30 Uhr und wir hatten nun weitere 10 Stunden Aufenthalt am Osloer Flughafen vor uns. Die Airline verteilte Gutscheine im Wert von 15 Euro für die wartenden Passagiere. Wir stellten uns gleich zweimal an, in weiser Voraussicht der norwegischen Preisverhältnisse, die am Airport noch einmal an Dynamik zulegten. Für 30 Euro pro Person stillten wir in den 10 Stunden gerade einmal so unseren Hunger und Durst. Aber wer schafft es schon in einem Urlaub sowohl die erste als auch die letzte Nacht ungewollt am Flughafen verbringen zu müssen...? Naja, aber was sagt man doch gleich über verpatzte Generalproben???
Eingangshalle